Mit einem Budget von 300 Euro erwecken die Lehrlinge von SOLA innerhalb ihrer ersten drei Monate einen TEC-Cube zum Leben.  © Thomas Matt / AK, SOLA
Mit einem Budget von 300 Euro erwecken die Lehrlinge von SOLA innerhalb ihrer ersten drei Monate einen TEC-Cube zum Leben. © Thomas Matt / AK, SOLA

Wo Lehrlinge ihre Lehre in Eigenregie organisieren

Seit zwei Jahren beschreitet Götzner Spezialist für Messwerkzeuge ganz neue Wege in der Lehrausbildung und ringt den jungen Neuzugängen jede Menge Eigenverantwortung ab – Das hat SOLA sehr verändert.

„Innerlich haben viele die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen.“ Herbert Windhager hat die Widerstände noch gut vor Augen. Damals bildete SOLA die Lehrlinge aus, wie das viele tun: tradiert und gediegen. „Aber die Lehrlinge waren viel zu unselbstständig am Ende der Lehre. Wir haben ihnen viel zu wenig zugetraut.“ Gleichzeitig sahen Windhager und seine Kollegen, dass die Halbwertszeit des Wissens schwand. Der künftigen Generation wollten sie „ganz andere Fähigkeiten mitgeben“.

Selber die Firma erkunden

So entstand die Idee, die Dinge einfach umzudrehen. Muss man die Lehrlinge wirklich wie Kinder an der Hand nehmen? SOLA hat den Spieß umgedreht. Für Sabrina Ennemoser (1. Lehrjahr) und Justin Troy (2. Lehrjahr) begann ihre Ausbildung mit der Unternehmens-Safari. „Die Neuzugänge haben zweieinhalb Tage Zeit, das Unternehmen zu erkunden.“ Sie organisieren sich selber in Gruppen und streifen durch die Abteilungen. „Geht zu den Leuten“, sagen die Ausbilder, „und fragt sie einfach, was sie tun.“
Das klingt so einfach. „Hingehen, anklopfen, Kontakt aufnehmen“ war für Justin (16) schon eine ziemliche Hürde. Sabrina, die erst eine Friseurlehre absolviert und dann vier Jahre lang als Postzustellerin gearbeitet hat, nickt: „Mir hatte vorher auch immer jemand gesagt, was ich zu tun habe.“ Zusatz: „Ich hatte oft das Gefühl, ich bin übrig …“ Das hat sie heute nicht mehr.

Wir verlangen den Jungen einiges ab. Aber sie müssen später auch Veränderungen mitgestalten oder auslösen.

Herbert Windhager

Einkauf und Personal SOLA

Was die alles wissen!

Wenn die Erstjahrs-Lehrlinge dann der Geschäftsleitung ihre Firma vorstellen, ist es mucksmäuschenstill im Raum. „Die wissen oft mehr als die alten Hasen.“ In den kommenden drei Monaten bleiben die Lehrlinge aller acht ausgebildeten Berufe noch beieinander. Wieder bilden sie Gruppen und erhalten einen Würfel aus einem Aluminium-Profil nebst 300 Euro als Budget. Und den Auftrag: „Macht was draus!“ So entstehen aufwendige Brettspiele und umlaufende LED-Schriftzüge … Längst sind die Jungen im ganzen Unternehmen vernetzt und legen sich richtig ins Zeug. Aber die eigentliche Kür folgt noch. Denn nach diesen drei Monaten trennen sich die Wege. Die Ausbilder drücken den Lehrlingen das gesetzliche Anforderungsprofil ihres Lehrberufes in die Hand. Und die erstellen ihren Ausbildungsplan selber! Machen alle Termine aus, können bei Bedarf jederzeit fragen, sind aber selber verantwortlich. Sie müssen sich jeden Monat selber bewerten. Von ihrem Mentor erhalten sie ein Fremdbild. Dann werden Eigen- und Fremdwahrnehmung im Gespräch erörtert. „Das hilft ihnen sehr, selber zu reflektieren.“

Es geht dabei gar nicht um fachliche Kompetenz. Im Mittelpunkt stehen Kriterien wie Hilfsbereitschaft, Umgangston, Ausdauer, Ehrgeiz, Teamfähigkeit, Belastbarkeit, Kreativität usw. Für viele sind das gänzlich neue Töne. Und Windhager ist sich bewusst: „Wir verlangen den Jungen einiges ab. Aber sie müssen später auch Veränderungen mitgestalten oder auslösen.“ Im Übrigen hat die neue Lehrausbildung das ganze Unternehmen verändert. SOLA beschäftigt in drei Werken etwas mehr als 200 Mitarbeiter, davon 32 Lehrlinge. „Die Quote von 15 Prozent beweist, wie sehr uns die Lehre am Herzen liegt“, unterstreicht Windhager. Denn „man muss auch etwas gegen den Facharbeitermangel tun, nicht nur jammern“. Die Lehrlinge genießen im Unternehmen deutlich mehr Akzeptanz als früher. Lachend erzählen Justin und Sabrina, wie die Kollegen in der Berufsschule auf die Vorstellung von so viel Eigenverantwortung reagieren: „Des wett i nit!“, hören sie oft. 

FACTBOX

Wie SOLA die Arbeitswelt in zehn Jahren sieht

  • Vernetzung der Anlagen, die Anlagen melden selber, was sie ­„brauchen“ (Material, Verschleiß, Wartung)
  • kein Lernen mehr „auf Vorrat“, sondern ständige Wissensaneignung
  • Prozessdesign muss bei Implementierung „sitzen“
  • Projektarbeit / Kollaboration / mobile Information
  • neue Formen der Zusammenarbeit (Wer ist wann da?)
  • keine Abteilungen mehr, sondern Aufgaben
  • Schwarmintelligenz: Gruppe trifft unabhängig von der Intelligenz des Einzelnen durch Zusammenarbeit kluge Entscheidungen
  • Prozessorientierung, daher keine klassische Führung
  • Arbeit wird komplexer, aber nicht zwingend fachlich komplexer
  • fachliche Fähigkeiten werden Mittel zum Zweck sein, aber nicht mehr das Ziel usw.

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